Ruinen und Ameisen

Kurz unter Delphi stehen wir mit wunderschöner weiten Sicht auf das Tal, Berge, unten ein Meer von Olivenbäumen und dahinter das richtige Meer, der Golf von Korinth. Ich könnte den ganzen Tag hier sitzen und hinausschauen. Später werde ich genau das auch tun. „Therapeutische Aussicht“ hat das mal einer genannt – hier ist das so. 

Blick ins Tal

Wir wollen natürlich die Ausgrabungen von Delphi besichtigen. Allerdings hab ich meine Hausaufgaben nicht gemacht und im Vorfeld nicht kontrolliert, ob die Ausgrabung denn barrierefrei wäre. Überraschung: sie ist es nicht! Immerhin ist das Museum zugänglich und wir können uns ein paar klassische Steine anschauen. Die Sphinx ist wirklich beeindruckend! 

Das mit den Ruinen ist ja nicht so einfach. Vor 3000 Jahren hat man noch nicht barrierefrei gebaut, und die besonders tollen Stätten sind gerne mal besonders weit oben, steil, steinig, voller Ecken, Kanten und Treppen.

In Athen zum Beispiel führt zwar ein schöner breiter Weg hoch zur Akropolis, aber oben an der Kasse wird uns dann erklärt, dass der Aufzug für Behinderte heute nicht führe. Das liege am Wetter (!). Hm, okay… gestern hat es geregnet?

Dieser Aufzug, seine fragwürdige Zuverlässigkeit und überhaupt die betonierten barrierefreien Wege auf der Akropolis sind seit einigen Jahren offenbar ein ziemliches Politikum in Griechenland und Anlass für Hickhack zwischen allen Parteien. In diesem Spannungsfeld bin ich aber einfach nur enttäuscht, wieder einmal draußen bleiben zu müssen. 

Überall Steine

Wir drehen also ab und steuern stattdessen in Richtung Museum für moderne Kunst. Da geht es mitten durch das Gewusel der Innenstadt, was sich auch recht kompliziert gestaltet und ich manchmal vor meinem Rollstuhl mit Zuggerät gerne noch eine Schneeschaufel hätte um die ganzen stumpfen Touris, die mir dauernd den Weg versperren, mit Schwung wegzufegen!

Horror Show

Abends finden wir nach einigem herumirren in einem weniger freundlichen Viertel ein open-air dub-in-the-Park Soundsystem, zur totalen Entspannung sind wir aber zu fertig und es ist auch ein bisschen kühl, also ab zurück zur Box, für die wir ein wirklich schönes Plätzchen neben einem Kiez- Fußballplatz gefunden haben. Da läuft gerade auch ein u20 Spiel – gelb gewinnt!

Athen hat mich in den wenigen Stunden sehr beeindruckt. Hier ist richtig was los – und man spürt: hier ist auch noch viel mehr möglich. 

Allerdings – nicht für mich. Als Rollstuhlfahrer macht es hier nicht so richtig Spaß, dafür gibt es zuviel Barrieren, zuwenig Rücksicht.

Piräus

Als Autofahrer macht es ja eigentlich auch keinen Spaß in diesem Häusermeer –  darum hatten wir auch diesen Stellplatz etwas außerhalb ausgesucht. Trotzdem habe ich als Navigator gründlich versagt und statt dem Stellplatz einfach nur die Stadtmitte als Ziel in Google Maps eingegeben. Fällt mir erst auf als wir da sind: mitten in Athen! Die Pilotin fädelt uns aber überall durch und lässt sich von dem Chaos nicht beeindrucken. Und bringt uns dann souverän und sicher ans richtige Ziel. Als wir aber am nächsten Tag nach dem Besuch des Kulturzentrums in Piräus wieder auf die Piste wollen, bleiben wir dann doch plötzlich zwischen den falsch parkenden Autos stecken. So richtig. Vorwärts geht gar nichts mehr, rückwärts ist ein Rückspiegel krachend im Weg… jetzt kommen wir  echt ins schwitzen. Die Pilotin findet einen freundlichen und dabei auch noch sehr feschen Athener, der die Box einfühlsam und millimetergenau wie professionelles Bodenpersonal herauswinkt – unser Held des Tages!

PS: den Rückspiegel haben wir bezahlt 😉 

Zuvor – auf der Fahrt vom Astros nach Athen hinein haben wir ohnehin gezögert und uns, nach der Überquerung des Kanals von Korinth, nochmal ein Übernachtungsplätzchen gesucht. Und im winzigen Hafen von Pachi gefunden – mit ein paar Booten, einer Taverne und natürlich einer Kirche. Der Wirt  lässt uns direkt vor der Tür auf dem Parkplatz stehen – wir haben zuerst seine frischen Calamares genossen. Am nächsten Morgen wachen wir mit den ganzen schwarzgekleideten Kirchgängern um uns herum auf…

Pachi

Insgesamt sind die ersten Wochen in Griechenland wunderbar und noch viel schöner als erwartet. Es ist noch richtig warm, T-Shirt und Badewetter, warmes Meer und viel Sonne. Dann ist die Landschaft herrlich, die Menschen ausgesprochen freundlich, wir fühlen uns sehr willkommen und pudelwohl. Und die langsamere Reisegeschwindigkeit tut uns auch gut.

In Delphi bleiben wir drei Nächte auf dem Campingplatz mit der therapeutischen Aussicht. Dann geht es weiter: Messolonghi ist ein wichtiger Ort in der griechischen Geschichte: vor genau 200 Jahren geschah hier der Exodus, nachdem die Stadt ein Jahr von den Osmanen belagert wurde, entschlossen sich die 9000 ausgehungerten Bewohner zum Ausbruch. Kinder, Frauen und Männer – alle wurden abgeschlachtet, nur knapp 1200 haben überlebt. Das Massaker war zwar eine Niederlage gegen die Osmanischen Herrscher, führte aber dazu, dass die Großmächte Frankreich, England und Russland sich auf die griechische Seite stellten und eine Kriegsflotte entsandten. Die dann die osmanisch ägyptische Flotte besiegte und am Ende zur Gründung des griechischen Königreichs führte (mit dem bayrischen Otto als König).

Lagunenradweg

Außerdem liegt der Ort an einer Lagune, wo es Flamingos zu sehen gibt und fast das gesamte Meersalz Griechenlands gewonnen wird. Wir radeln zum Salzmuseum, und siehe da: hier gibt es auch noch einen SeaTrac und eine Taverne. Gut für Kultur, ein Bad, ein Abendessen, gut für eine Nacht!

Immer rin!

Dann fahren wir an Salzbergen vorbei auf die Insel Lefkada. Eine echt steile aber zum Glück betonierte Straße führt uns über viele Kehren und kratzigen Olivenbäumen bis zum traumhaften Strand Gialos. Nach links nur Strand, nach rechts nur Strand, vor uns das ganze Mittelmeer mit ordentlichen Wellen und wunderbaren Sonnenuntergängen. Hier stehen einige Camper und wir lernen Christian und Tini aus Österreich kennen. Wir tauschen Weine, Würste und Worte.

Traumstrand auf Lefkada

Auch hier bleiben wir drei Nächte mit dem Klang rauschender Wellen, bis uns das aufkommende Gewitter weiterschickt – das letzte hier hatte den Stellplatz schon ordentlich unterspült, und bevor es uns übel mitspült, düsen wir lieber davon.

Im Hauptort der Insel Lefkas drehen wir eine Runde, hier sieht es aus wie in einem Ferienort aus den Dreißigern, kleine bunte hölzerne Häuser bestimmen das Bild.

Auf einem Tipp von Christian fahren wir weiter die Küste hoch zur Bouka Taverne. Der Wirt lässt Wohnmobile umsonst in seinem Olivenhain stehen. Außerdem ist er Sänger, und als wir in der Taverne zu Abend essen wollen, spielt er mit seiner Band griechische Lieder in voller verstärkter Lautstärke – es wäre eigentlich sehr gut, einfach nur viel zu laut. Entsprechend sind nur wenige Gäste da, bestellt wird pantomimisch, und Conny und ich schweigen uns grinsend an. Ein anderes Gästepaar kennen wir schon aus Delphi, und der Wirt/Sänger/Olivenbauer spendiert uns allen eine Runde, damit wir noch ein bisschen zusammen sitzen und quatschen (als dann mal Schluss mit Gesang ist). Am Ende lässt der Wirt es sich nicht nehmen, mich bis zur Box zu begleiten und auch noch hineinzuschieben…

Hier stehen fast nur ältere deutsche Wohnmobilisten, beim Morgenkaffee schauen wir uns das ganze Gehabe draußen von unserer Hecksitzgruppe aus an und finden alles auf eine seltsame Art furchtbar spiessig. Wir suchen schnell das Weite. Eine knappe Stunde weiter Nordwestlich die Küste hoch liegt die Kerenza Bucht, sehr malerisch mit Olivenbäumen und Fischerbooten. Hier ist mehr Hippie als Spießer. Sehr relaxed. Conny gibt morgens ihre online Kurse, und die Sonne brät.

Wir entschließen uns, den Strand mit dem letzten SeaTrac vor der Grenze in Syvota zu besuchen. Der wurde uns vom Mitarbeiter in Patras noch extra empfohlen. 

Das hatte ich mir so schön vorgestellt: der letzte Sommertag in Griechenland, mit viel Sonne, aufheizen und dann noch einmal mit dem genialen Lift ab ins Meer. Was wir finden, ist ein Strand ohne öffentlichen Zugang, nur über einen Club, der aber schon saisonal geschlossen hat. Über den Schotterstrand kommt man unmöglich hin. Der SeaTrac läuft zwar, ist aber nicht barrierefrei erreichbar! Wie bescheuert ist dass denn?

Ziemlich genervt und enttäuscht suchen wir das Weite. Beziehungsweise den nächsten Campingplatz. In Kalami entschädigt zumindest ein bisschen eine angenehme Dusche, wo ich mich rasieren und richtig säubern kann. 

Beim singenden Wirt haben wir von dem Peggy und Werner den Tipp bekommen, einen Tagestrip nach Corfu zu machen. Wir stellen die Box in Igoumenitsa auf einen Parkplatz und steigen auf die Fähre, die 70 Minuten nach Corfu Stadt braucht. Hier bekommen wir ein schönes Beispiel für „Übertourismus“ präsentiert. Im Hafen sehen wir vier riesige Kreuzfahrtschiffe nebeneinander vertäut. Später lese ich nach – mit einem Fassungsvermögen von über 11000 Menschen insgesamt. Die sind jetzt alle da wo wir eigentlich hin wollen. Die Altstadt sieht so aus als könnte sie bezaubernd sein. Wenn nicht diese süßen Gässchen alle zu Ameisenstraßen geworden wären. Die kollektiv orientierungslosen Ameisen verstopfen die ganze Stadt. Sie tragen alle ihre Kreuzfahrtschlüsselkärtchen an einem Schlüsselband um den Hals. Vermutlich wären sie sonst verloren. Sie sind nicht zu beneiden. 

Weg von Corfu

Wir können uns das nicht länger ansehen und sind auf der nächsten Fähre wieder zurück. Auf dem Autodeck haben wir einen exklusiven Platz (es gibt keinen Aufzug nach oben) und bekommen einen zweifachen Sonnenuntergang präsentiert, als die Sonne hinter den Bergen von Corfu verschwindet. Wir schlafen heute einfach auf dem sandigen Parkplatz in der Stadt.

Morgens geht es nochmal an den Strand. Schau an: hier gibt es auch noch einen SeaTrac? Ach nein. Der heißt SeaAccess? Ein ganz ähnliches System. Aber eine andere Firma. Ja… beim nächsten Besuch in Griechenland werde ich noch einige Strände mehr besuchen dürfen! Dieser hier ist zwar im eins A Zustand, alles sieht neu aus, sogar Polster auf den Sonnenliegen. Aber trotzdem – laut telefonischer Auskunft – schon außer Betrieb. Na dann.

Ich habe ein komisches Gefühl und mag hier nicht über Nacht bleiben. Das passiert manchmal. Dann fahren wir halt weiter. Diesmal eine Bucht weiter nach Sagiada an einen kleinen Hafen. Mein gegrillter Fisch in der Taverne bei Aksos ist sensationell. Unser letzter Abend vor der Grenze nach Albanien! Ein herrlicher Sonnenuntergang macht noch einmal richtig Werbung für Griechenland.

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Ein Kommentar zu „Ruinen und Ameisen“

  1. Avatar von Beate Thöni
    Beate Thöni

    Guten Morgen ihr beiden! Danke für deinen lustigen und teilweise nachdenklich machenden Bericht. Auch eine kleine Geschichtsstunde war dabei 😁.
    Ich wünsche euch weiterhin eine tolle Reise, eine so entspannte Pilotin und unfallfreies Fahren- Rückspiegel zählen nicht 🤭
    Alles Liebe Beate


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